Zur Entstehung des ISÖK

 

Das Institut für sozialökologische Kulturforschung ist eine Folgeeinrichtung des Instituts für Sozialökologie der Humboldt-Universität Berlin. Dieses entstand auf Initiative von Prof. Dr. Rudolf Bahro mit Unterstützung des letzten ostdeutschen Wissenschaftsministers und des Berliner Senats kurz nach dem Mauerfall 1989. Dort forschte und lehrte es mit großer Resonanz von Studierenden und Öffentlichkeit. Die berühmten Montagsvorlesungem zur Sozialökologie, welche von 1991-1997 im Audimax der Humboldt-Universität stattfanden, besuchten immer mehrere hundert, manchmal bis zu tausend Hörer aus der HUB und der interessierten Öffentlichkeit. 

 

Die Zeit war damals jedoch noch nicht reif für solche wirklich transdisziplinäre und kulturorientierte Nachhaltigkeitsforschung. Und so fiel diese im Freiraum des Berliner Mauerfalls in Ostberlin entstandende akademische Innovation den seit 1995 einsetzen "Strukturanpassungen" auf traditionelle Fachbereiche zum Opfer. Die mit internationalen Gutachtern (Vittorio Hösle, Rupert Riedl u.a.) bestätigte Verteidigung der Habilitation im Bereich Sozialökologie und Ethik von Maik Hosang im Herbst 2009 war der letzte Akt dieses HU-Instituts. 

 

Wenige Jahre später wurde die Notwendigkeit solcher Forschung deutlicher. Da die traditionellen Unis und Forschungsinstitute für so stark inter- und transdiszlinäres Denken jedoch nicht vorbereitet sind, wurde beim BMBF ein Sonderprogramms für sozial-ökologische Forschung aufgelegt. Doch auch dieses thematisiert die tiefenkulturellen Dimensionen nachhaltiger Entwicklung, welche das Bahro-Institut bereits anging, bisher nur am Rande.

 

Nach Auflösung des HU-Instituts für Sozialökologie gründete der einstige wissenschaftliche Mitarbeiter Bahros, Maik Hosang, das Institut neu im Rahmen des "Reallabors einer nachhaltigen Kultur - LebensGut Pommritz", welches mit Unterstützung des sächsischen Ministerpräsidenten Prof. Kurt Biedenkopf im traditionsreichen Forschungsgut Pommritz entstanden war.

 

Neben der Fortführung der kulturell und tiefenkulturell orientierten Nachhaltigkeitsforschung, die auf dieser Plattform hier dokumentiert ist, wird die Forschungs- und Beratungsarbeit derzeit noch erweitert um kreative und kokreative Schwerpunkte. Mehr dazu siehe hier.

 

Für das Institutskonzept maßgebliche Werke:

 

Rudolf Bahro: Logik der Rettung. Ein Versuch über die Grundlagen ökologischer Politik. Weitbrecht, Stuttgart 1987.

 

Maik Hosang: Der integrale Mensch, Transdisziplinäre Begriffe für nachhaltige Entwicklung, Habilitationsschrift HUB, veröffentlicht bei Hinder + Deelmann, Gladenbach 2000

 


Die Geschichte des ISÖK in Etappen seit 1990:

 

1990-1998: Konzeption und Gründung eines Instituts für Sozialökologie an der Humboldt-Universität zu Berlin durch Prof. Rudolf Bahro und einige ähnlich denkende Mitstreiter, mit dem Ziel, eine im Vergleich zur traditionellen Wissenschaft stärker interdisziplinäre und experimentell-praxisorientierte Forschung und Lehre zu drängenden sozialökologischen Fragestellungen zu entwickeln (das ursprüngliche Institutskonzept siehe hier ganz unten). Bereits die anfängliche Arbeit des Instituts fand sehr starke Resonanz in breiten Kreisen von Studierenden und Öffentlichkeit, die wöchentlichen Montagsvorlesungen zur Sozialökologie im Audimax der HUB besuchten immer mehrere hundert Hörer. Aufgrund der Anpassung ostdeutscher Universitäten an westdeutsche Strukturen und auch aufgrund seiner impliziten Infragestellung traditioneller Wissenschaft wurden diese 1990 durch den Berliner Senat an der Humboldt-Universität zuerst explizit geförderte wissenschaftliche Innovation jedoch nach und nach wieder eingeschränkt und Ende 1998 völlig eingestellt. Im Laufe der 90-iger Jahre entwickelten sich jedoch auch universitätsunabhängige Forschungsstrukturen im Sinne des ursprünglichen Institutskonzepts. Dabei entstand mit Unterstützung der sächsischen Landesregierung, insbesondere durch den MP Prof. Kurt Biedenkopf und Staatssekretär Hermann Kroll-Schlüter, auf dem großen und traditionsreichen Forschungsgut Pommritz das Praxisforschungsprojekt LebensGut.

 

1993-1996: Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert den Aufbau eines an den Zielen des Berliner Uniinstituts angelehnten, jedoch noch stärker praktisch-experimentell orientierten Forschungs- und Bildungszentrums für ganzheitliche Ökologie im Rahmen LebensGuts Pommritz. Das Zentrum konzentriert sich in den ersten Jahren primär auf die wissenschaftliche Begleitung des LebensGutes Pommritz, wirkt jedoch auch darüber hinaus, z.B. als Berater des Arbeitskreises nachhaltige Lebensstile beim Forum für Umwelt und Entwicklung.

 

1997-2000: Das Pommritzer Forschungszentrum übernimmt im Züge der Auflösung des HU-Instituts für Sozialökologie dessen Fortsetzung und konstituiert sich neu; zuerst als "Freies Institut für integrierte Sozialökologie" (IFIS), später dann als Akademie für Philosophie und Sozialökologie. Es konzipiert auch die weitere Entwicklung des LebensGuts zum "Modellprojekt einer sozial-ökologischen Landkultur". Dieses Konzept überzeugt die internationale Jury der Weltausstellung  EXPO 2000, es als eines ihrer weltweiten Projekte auszuwählen; mit der denkwürdigen Charakteristik: "Hier werde in vorbildlicher Weise die Zukunft des ländlichen Lebens im 21. Jahrhundert demonstriert." 

 

1999/2000: Erfolgreiche Verteidigung einer Habilitation für Sozialökologie mit internationaler Begutachtung (u.a. Vittorio Hösle und Rupert Riedl) an der HU Berlin durch Dr. Maik Hosang, zum Thema: "Der integrale Mensch – Transdisziplinäre Begriffe für eine nachhaltige Entwicklung". Beginn einer verstärkten Vernetzung der Pommritzer Akademie mit für diese Themen engagierten Wissenschaftlern an anderen Universitäten und Forschungseinrichtungen weltweit. Mehr dazu siehe unter Netzwerk und Links. 

 

2000-2005: In Zusammenarbeit mit dem Kassler Zentrum für Umweltsystemforschung u.a. Durchführung eines Forschungsprojektes zur Umweltrelevanz von gemeinschaftlichen Wirtschafts- und Lebensweisen im BMBF Förderschwerpunkt "Nachhaltige Wirtschaften: Möglichkeiten und Grenzen von neuen Nutzungsstrategien".

       In Zusammenarbeit mit dem IHI Zittau, dem IÖR Dresden u.a. Konzeption einer Nachwuchsforschergruppe im BMBF-Förderschwerpunkt für Sozial-ökologische Forschung: 

Sozial-ökologische Innovationen als Fokus regionaler Perspektiven am praktischen Beispiel der Oberlausitz (=> pdf-Download) 
Konträre Gutachten und starke internationale Unterstützung führten zu einer Beschränkung des ursprünglich stark praxisorientierten Projektes auf seinen theoretischen Kern. Dabei gelingt die Entdeckung und Begründung von trichotomischen Grundstrukturen einer Sozial-ökologischen Theorie (siehe dazu Hosang et.al., ökom-verlag 2005; bzw. in Kurzform den Abschlussbericht zu Aufgaben und Problemen Sozial-ökologischer Theorien; Abschlussbericht  => pdf-Download )

 

2006-2008: Entwicklung von weiteren transdisziplinären Forschungsprojekten auf den Gebieten nachhaltiger Regionalentwicklung, integralen Managements, nachhaltiger Lebensstile, geistig-emotionaler Grundlagen nachhaltiger Transformation und ganzheitlicher Gesundheit sowie Oekowellnes. Dazu verstärkte Kooperation u.a. mit dem Unabhängigen Institut für Umweltforschung Berlin (UFU), der Hochschule Zittau/Görlitz und der Universität Bayreuth; siehe u.a.: http://www.uni-bayreuth.de/cheesefondue-workshops/

 

2009-2012: Forschungsprojekt zu Akteursnetzwerken für demografische Perspektiven strukturschwacher Regionen, in Kooperation mit der Arbeitsgruppe Transformationsforschung der Hochschule Zittau/Görlitz; Zusammenarbeit mit der Sinn-Stiftung und Mitaufbau der Initiative "Neue Lern- und Beziehungskultur in Kommunen und Regionen"; Mitinitierung des Oberlausitzer Zukunftskonvents (www.zukunft-oberlausitz.com).

 

2012 - 2018: Weiterentwicklung der Forschung vor allem in zwei Linien:

A - Ethisch-moralische bzw. geistige Grundlagen von Nachhaltigen Transformationen in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Aktuelle Veröffentlichungen dazu siehe hier.

B - Untersuchungen und Reallabore dazu, ob und wie eine strukturschwache Region wie die Lausitz und deren aktuelle Krisen (Strukturwandel von der Braunkohle zu ...) als Chance für nachhaltige Transformationsprozesse genutzt werden können. Aktuelle Forschungen in Zusammenarbeit mit der Hochschule Zittau/Görlitz siehe hier .

 

2019 ...: Weiterentwicklung als PIKOK - Philosofisches Institut für nachhaltige KoKreativität

Zentrale Gebäude des Pommritzer Instituts
Zentrale Gebäude des Pommritzer Instituts

Lange Tradition des Forschungsguts 

 

Das Institut kann auch an seinem jetzigen Standort auf eine lange Tradition verweisen. Dank der durch den Bahnanschluss zwischen Dresden, Görlitz und Breslau verkehrsgünstigen Lage wurde hier bereits um 1870 durch den Freistaat Sachsen eine der weltweit ersten Forschungseinrichtungen mit ökologischen und sozialökologischen Fragestellungen gegründet. Dessen primäre Aufgabe war die Erforschung moderner Methoden der Landwirtschaft und Ernährung. Darüberhinaus erforschte man jedoch bereits die Wirkung von Rauchabgasen auf Natur und Mensch und die Entwicklung moderner Wasser- und Abwasserstandards; aber auch die Organisation von Arbeits- und Lebensbedingungen im ländlichen Raum, die Menschen sowohl sinnstiftende und gesunde Arbeit als auch vielseitige Potenzialentfaltung ermöglichen. Um 1900 - als auch die noch heute prägenden riesigen Gebäudekomplexe entstanden -, war die Pommritzer Forschungsanstalt für ländliche Werkarbeit weltberühmt. Wissenschaftler aus aller Welt waren hier zu Gast und später weltweit eingeführte arbeitssparende Techniken und hygienisch-ökologischer Standards entstanden hier. 

Leider kam diese Forschungstradition ab 1933 durch den Nationalsozialismus zum Stillstand. In DDR Zeiten wurden die Gebäude als landwirtschaftliche Ausbildungsstätte genutzt. Erst 1993 wurde die integrative sozialökologische Forschungstradition wieder aufgegriffen.

Ursprüngliches Konzept Rudolf Bahros zum HU-Institut für Sozialökologie (englisch)
Bahro-I-f-Sozialökologie eg.pdf
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