Hier dazu eine kurze Einführung in die tiefenkulturellen Dimensionen nachhaltiger Transformationen:

  In seiner Schrift „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ zeigte Max Weber, inwiefern sich der moderne Kapitalismus bzw. die moderne Industriegesellschaft letztlich nicht aufgrund neuer Techniken und Technologien (denn viele davon gab es bereits früher auch in China oder Griechenland) durchsetzte, sondern aufgrund einer erst in Westeuropa herausgebildeten Tiefenmotivationskraft, dem „Geist der protestantischen Ethik“.
Erkenntnisse und Schlussfolgerungen mehrerer Zukunfts- und Nachhaltigkeitsforscher (siehe unten) deuten darauf hin, dass die „Große Transformation“  zu einer nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft ebenfalls nicht allein durch neue ökologische Techniken und Technologien, sondern letztlich erst durch eine wirkungsmächtige und sehr kreative neue Tiefenmotivation (bzw. einen entsprechenden „Geist“ bzw. eine entsprechend wirkungsmächtige und kreative praktische Ethik) gelingen wird.
Deren Herausbildung ist zwar in diesen oder jenen Facetten zu beobachten, aber bisher fehlt ihr ein modern und wissen-schaftlich untersetztes Selbstbewusstsein. Die im Folgenden aufgeführten begrifflichen Versuche verschiedener Human- und Nachhaltigkeitsforscher demonstrieren neben der Bedeutung der Problemstellung auch die bisherige Vernach-lässigung des Themas in der Nachhaltigkeitsforschung:

 

 

Gus Speth (Prof. für Umweltpolitik und Nachhaltige Entwicklung, Yale University):
  “I used to think that top environmental problems were biodiversity loss, ecosystem collapse and climate change. I thought that thirty years of good science could address these problems. I was wrong. The top environmental problems are selfishness, greed and apathy, and to deal with these we need a cultural and spiritual transformation. And we scientists don’t know how to do that.”
  (Quelle: http://winewaterwatch.org/2016/05/we-scientists-dont-know-how-to-do-that-what-a-commentary/ )
 

Donella Meadows:
  „„In unserer Suche nach Wegen zur Ermutigung friedlicher Veränderungen eines Systems, das sich seiner eigenen Transformation ganz natürlich widersetzt, haben wir viele Mittel ausprobiert. Die offensichtlichsten haben wir ausgeführt – rationale Analyse, Daten-Sammlung, Systemdenken, Computermodellierung und klare Worte. Dies sind die Mittel, die alle, der in Wissenschaft und Ökonomik ausgebildet sind, automatisch begreifen. Sie sind nützlich, notwendig, aber nicht ausreichend.
  Wir wissen nicht, was ausreichend sein wird. Aber unsere Schlussfolgerung kommt zu anderen Mitteln, die unserer Erfahrung  nach nicht optional, sondern essentiell sind für jede Gesellschaft, die langfristig zu überleben hofft. Diese werden oft als zu „unwissenschaftlich“ betrachtet und daher in der zynischen öffentlichen Arena nicht ernst genommen… Es sind: Visionsbildung und Vernetzung, Wahrheitserzählung, Lernen und Lieben. 
In der industriellen Kultur ist es nicht erlaubt, über Liebe zu sprechen, außer im romantischen und trivialen Sinn. Jeder, der über die Kapazität der Menschen spricht, praktische Bruder- und Schwesterliebe zu praktizieren, Liebe der Menschheit als Ganzes und unseres Planeten, wird eher verspottet als Ernst genommen ...
  Individualismus und kurzsichtige Interessen sind die größten Probleme der gegenwärtigen Gesellschaften, und die tiefste Ursache ihrer Nichtnachhaltigkeit. Liebe und Mitgefühl, in sozialen Formen institutionalisiert, sind die bessere Lösung. Eine Kultur, die an diese besseren menschlichen Qualitäten nicht glaubt, diese nicht diskutiert und entwickelt, leidet an einer tragischen Begrenzung ihrer Möglichkeiten ...
  Die Menschheit kann bei ihrem Abenteuer der Verringerung des menschlichen Fußabdrucks auf ein nachhaltiges Niveau nicht erfolgreich sein ohne einen Geist globaler Partnerschaft. Der Kollaps kann nicht vermieden werden, wenn die Menschen nicht lernen sich selbst und die anderen als Teil einer integrierten globalen Gesellschaft zu sehen. Beides erfordert Mitgefühl, nicht nur mit dem Hier und Jetzt, sondern auch mit den Fernen und Zukünftigen. Die Menschheit muss lernen, die Idee eines lebendigen Planeten für zukünftige Generationen zu lieben.“ 
(aus: Meadows, D./J. Randers/D.Meadows. 2004. Limits to Growth. The 30-Year Update. Chelsa Green Publishing Company. Vermont: 269ff.; übersetzt durch M.Hosang).
 

Rudolf Bahro:
  „Der Mensch hat Anteil an der höchsten Intelligenz … die Liebe heißt, ... einer Verfassung, die selbstgewiss und herzoffen genug ist, um in gefühlter Resonanz mit allem übrigen Leben sein zu können“, und erst daraus erwächst „die Freiheit, sich aus einer kulturellen Sackgasse zurückzuziehen und ein neues Muster zu stiften.“ 
(aus: Bahro, R. 1987. Logik der Rettung. Ein Versuch über die Grundlagen ökologischer Politik. Edition Weitbrecht. Stuttgart und Wien: 243ff.). 


Abraham Maslow:
  „We must make the distinction between primary creativeness and a secundary creativeness. The primary creativeness or the inspirational phase must be separated from the working out and the development of the inspiration. … 
This ability to become „lost in the present“ seems to be a sine qua non for creativeness … (and) have something to do with this ability to become timeless, selfless, outside of space, of society, of history. It is always describes as a loss of ego, or sometimes as a transcendence of self. There is a fusion with the reality being observed, a oneness where was twoness, an integration of some sort of the self with the non-self. … the whole experience is experienced as bliss, ecstasy, rapture, exaltation. … 
My researches show that these experiences are quite naturalistic and, what is to the point right now, that they have much to teach us about creativeness as well as other aspects of the fully functioning of human beings when they are most fully realizing themselves, most mature and evolved, most healthy, when, in a word, they are most fully human.“
  (aus: Maslow, A. The Creative Attitude, in: The Maslow Business Reader. 2000. John Wiley & Sons: S. 189 ff.)
 
Gerald Hüther:
  „Eine Initiative zur Stärkung des Empfindens, der Vorstellung und des Bewusstseins menschlicher Würde. Nicht in der Theorie, sondern im täglichen Zusammenleben.
  Die Liebe bewahrt offenbar die Kraft in sich, ungünstige Beziehungserfahrungen zu transformieren und versiegte Quellen der Kreativität neu zu erschließen.“
  Gerald Hüther auf: https://www.akademiefuerpotentialentfaltung.org/ und https://www.wuerdekompass.de/

Uwe Schneidewind:

"1. Jede Mitgestaltung der Großen Transformation muss vier Dimensionen der Veränderung im Blick behalten und zusammendenken: eine technologische, eine ökonomische, eine  politisch-institutionelle und eine kulturelle. 
2. Die Große Transformation sollte immer vom kulturellen Ende her gedacht werden. Nur so lässt sich verhindern, dass die Menschheit allein durch technologische und ökonomische Veränderungen getrieben ist. Denn im Kern ist Nachhaltige Entwicklung eine »moralische Revolution« (Appiah, 2011), die in neuen Wertvorstellungen (»Mindshifts«, vgl. Göpel, 2016) ihren Ausgangspunkt nimmt und darüber ihre zivilisatorische Kraft gewinnt. …
  Erst im Zusammenspiel von Wissen, Haltung und Fähigkeit bildet sich die individuelle Zukunftskunst heraus, d.h. ein ganz persönlicher »Möglichkeitssinn« (Musil, 2013), ein reflektiertes Gefühl der Selbstwirksamkeit, um zu Veränderungsprozessen im Sinne einer großen Transformation beizutragen." 
(aus: Schneidewind, U.: Die große Transformation. Eine Einführung in die Kunst des gesellschaftlichen Wandels. 2018. Fischer, FfM: S. 459 - 474).